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Serie Diabetes und Herz, Teil 1:

Doppelt gefährdet
Diabetes und Erkrankungen des Herzens sind eng miteinander verbunden. Eine Umstellung des Lebensstils hilft, Risiken zu mindern
Es knirscht auf dem Weg ins neue Leben. Das liegt einmal an dem feinen Sand unter den Füßen der Menschen, die sich zur Morgengymnastik am Strand eingefunden haben. Zum anderen ist es ein Knirschen im übertragenen Sinn, denn die hier Trainierenden sollen sich von lieb gewonnenen Gewohnheiten verabschieden. Sie sollen ihren ungesunden Lebensstil ändern, der ihnen Stoffwechselstörungen und lebensbedrohliche Herzbeschwerden eingebracht hat. Und sie sollen sich mehr bewegen und gesünder essen.

Es ist höchste Zeit dafür. Denn alle, die hier ihr Gymnastik-Programm absolvieren, sind Typ-2-Diabetiker und haben gerade einen Herzinfarkt hinter sich. In der Curschmann-Klinik im Ostseebadeort Timmendorfer Strand erholen sie sich nun und tanken Kraft für ein neues Leben.

Die gefährliche Kombination von Zuckerkrankheit und Gefäßschäden – insbesondere am Herzen – wird in Deutschland noch immer unterschätzt. „Es wird Zeit, Diabetes nicht nur als Stoffwechselproblem zu sehen, sondern zugleich als Gefäßerkrankung“, fordert der Privatdozent Dr. Morten Schütt, Internist und Diabetologe an der Curschmann-Klinik.

Daten belegen seine Ausage: Mehr als zwei Drittel aller Herzinfarktpatienten weisen Störungen des Zuckerstoffwechsels auf. „Es reicht bei einem Zuckerkranken eben nicht aus, die Behandlung auf den Blutzuckerspiegel auszurichten. Auch das Gefäßsystem muss ständig unter Beobachtung stehen“, betont Schütt

Unterschätzt und unbeachtet
Am Ostseestrand reckt sich heute auch Jürgen V.. „Mein Diabetes wurde vor neun Jahren diagnostiziert“, erzählt der 56-jährige Beamte. Er leidet unter Diabetes vom Typ 2, auch als Altersdiabetes bezeichnet, da er vor allem bei älteren Menschen auftritt.

„Inzwischen findet sich die Erkrankung jedoch auch häufiger bei jüngeren Patienten, vereinzelt sogar bei Kindern und Jugendlichen. Das ist im Wesentlichen auf Übergewicht und Bewegungsmangel zurückzuführen“, erklärt Schütt.

Im Gegensatz zu Typ-1-Diabetikern, bei denen die Bauchspeicheldrüse gar kein blutzuckersenkendes Insulin produziert, verfügen Typ-2-Patienten anfangs noch über ausreichende Insulinmengen. Das Problem: Die Körperzellen reagieren darauf immer weniger.

Von der Gefahr, die der Diabetes für sein Herz darstellte, ahnte V. nichts. „Ich hatte nie Herzbeschwerden“, berichtet er und bestätigt damit, wie groß der Aufklärungsbedarf ist. Denn dass über Jahre hinweg keine Beschwerden auftreten, ist die Regel. Gefäßschäden entwickeln sich im Verborgenen, und die Betroffenen erliegen dem Trugschluss: „Wenn ich nichts spüre, bin ich gesund.“ Urplötzlich macht ihnen eines Tages ein Herzinfarkt die Fehleinschätzung ihres Zustands bewusst.

„Das ist das wirklich Tückische“, bestätigt Professorin Ruth Strasser, Ärztliche Direktorin des Herzzentrums Dresden Universitätsklinik und Direktorin der Medizinischen Klinik Kardiologie und Intensivmedizin an der Technischen Universität Dresden. „Diabetiker haben oft auch in fortgeschrittenen Stadien einer Herzerkrankung kaum Beschwerden, da Nerven des Herzens durch die Zuckerkrankheit in Mitleidenschaft gezogen werden. Manche empfinden deshalb nicht einmal Schmerzen, wenn sie einen Infarkt haben.“ Solche Anfälle heißen „stumme Infarkte“, doch auch wenn sie keine Schmerzen hervorrufen, sind sie lebensbedrohend.

Auch Jürgen V. hat kaum Beschwerden wahrgenommen, als ihn der Infarkt traf. „Ich spürte nur ein leichtes Brennen und Ziehen im Brustkorb, das wieder verging“, erinnert er sich. Eine Bronchitis, dachte er. Als der Arzt, den er aufsuchte, die Diagnose„Herzinfarkt“ stellte, war V. schockiert. „Damit hätte ich nie gerechnet.“ Wie viel Glück er dennoch hatte, zeigt die Statistik: In Deutschland stirbt – allem medizinischen Fortschritt zum Trotz – gut die Hälfte der Menschen, die einen Infarkt erleiden.

Gemeinsame Risikofaktoren
Die Verbindung zwischen Typ-2-Diabetes und Erkrankungen der Herzgefäße besteht in einem fatalen Zusammenspiel mehrerer Risikofaktoren.

Auf der einen Seite steht der Diabetes, dessen Häufigkeit rasant zunimmt: Hierzulande werden im Jahr 2010 mehr als zehn Millionen Menschen betroffen sein. Zwar spielt für das Entstehen der Krankheit die Vererbung eine wichtige Rolle, unbestritten ist allerdings auch die Bedeutung eines ungesunden Lebensstils mit zu wenig Bewegung und falscher Ernährung.

„Immer weniger Menschen sind im Beruf oder Alltag regelmäßig körperlich aktiv“, erklärt Schütt. Weil sehr oft eine zu kalorienreiche Ernährung hinzukommt, lässt sich das Problem einfach zusammenfassen: Der Mensch nimmt mehr Energie auf, als er verbraucht. Das lässt Fettpolster wachsen und führt geradewegs zu Übergewicht.

Dies ist der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende die Zuckerkrankheit steht. Anfangs gelingt es dem Körper noch, mit den überschüssigen Kilos fertig zu werden, ohne dass der Blutzuckerspiegel sonderlich steigt. Die Bauchspeicheldrüse schüttet mehr und mehr Insulin aus, um diesen zusenken. Doch die Körperzellen reagieren immer weniger auf das Hormon – ein Phänomen, das Mediziner als Insulinresistenz bezeichnen.

Allmählich laufen die Blutzuckerwerte aus dem Ruder. Schließlich, manchmal erst nach Jahren, stellt die Bauchspeicheldrüse ihre Arbeit ein: Ihre Insulinproduktion versiegt. Das Bedrohliche daran: Selbst in der Phase mit noch normalem Blutzuckerspiegel ist das Risiko für Gefäßerkrankungen und Herzinfarkte bereits deutlich erhöht.

Aufklärung tut not
Für diese Entwicklung haben Ärzte den Begriff „metabolisches Syndrom“ geprägt. Um das Bewusstsein der Öffentlichkeit für dessen Gefährlichkeit zu schärfen, hat der Wort&Bild-Verlag die Stiftung „Rufzeichen Gesundheit!“ gegründet. Ihr Ziel ist es, über das verhängnisvolle Zusammenspiel des tödlichen Quartetts aufzuklären: Neben Störungen des Zuckerstoffwechsels und Übergewicht gehören dazu erhöhte Blutfette und Bluthochdruck.

Unmerkliche Gefäßveränderung
Als Folge des Diabetes entwickeln sich Herzkrankheiten. Wieder bemerken die Betroffenen von dem Geschehen lange Zeit nichts. „Schon zehn Jahre oder mehr bevor eine Zuckerkrankheit diagnostiziert wird, kommt es zu Schäden an den Gefäßwänden“, erklärt Strasser. Treibende Kräfte dabei sind – neben Alter, Stress und Rauchen – insbesondere Bluthochdruck, schlechte Blutfettwerte, erhöhte Insulin- und Blutzuckerspiegel sowie bestimmte Stoffe aus dem Bauchfett.

Damit schließt sich der verhängnisvolle Kreis. „Die Komponenten des metabolischen Syndroms wirken sich negativ auf die Herzgefäße aus“, sagt Strasser.

Betroffen sind zwar auch andere Gefäße, doch am Herzen machen sich die Veränderungen oft zuerst bemerkbar. „Der Infarkt stellt in vielen Fällen nur das erste Symptom des ganzen Krankheitskomplexes dar“, erläutert Ruth Strasser.

So war es auch bei Uwe R.. Der Orthopädiemeister erlitt vor acht Jahren einen ersten Herzinfarkt. „Ich hatte eine Menge Stress, und auf der Heimfahrt von einem Termin bemerkte ich plötzlich ein Ziehen in der Brust“, erinnert sich der 52-Jährige. Recht gelassen nahm er die Diagnose Herzinfarkt entgegen, ebenso das Einsetzen einer Gefäßstütze. „Ein paar Tage später saß ich wieder im Büro“, berichtet R..

In den folgenden Monaten nahm er stetig zu, zwei Jahre später eröffnete ihm sein Hausarzt, dass er Diabetes habe. „Da war ich wirklich schockiert.“ Doch R. Betroffenheit währte nur kurz; seine Gewohnheiten waren stärker. So vernachlässigte er die körperliche Aktivität noch weiter, während sein Gewicht unaufhörlich kletterte. Der berufliche Stress in der Firma ließ sich nicht wesentlich reduzieren, sodass die Zeitbombe leise weitertickte. „Sechs Jahre hatte ich gar kein Problem“, erzählt R..

Anfang 2007 dafür ein gewaltiges: Da kamen die Schmerzen in der Brust wieder. Die folgende Herzkatheteruntersuchung zeigte die für Diabetiker typischen Einengungen der Gefäße. Bei diesen gibt es – im Vergleich zu Herzpatienten ohne Zuckerkrankheit – einige Besonderheiten. „Die Schäden treten bei Diabetikern meist nicht punktuell auf, sondern sind über die Länge des Gefäßes verteilt. Das erschwert eine Behandlung erheblich“, erklärt Dr. Anselm Gitt.

Der Kardiologe am Herzzentrum Ludwigshafen leitete eine bahnbrechende europäische Studie, welche den Zusammenhang zwischen Herzerkrankungen und Diabetes erstmals mit Daten unterfütterte: Beim „European Heart Survey“ wiesen mehr als 70 Prozent der Patienten mit Veränderungen der Herzkranzgefäße Störungen des Zuckerhaushalts auf – das hat gravierende Folgen für ihre Heilungschancen. „Sowohl die Gefahr erneuter Infarkte und der Entwicklung einer Herzschwäche als auch die Sterblichkeit lag bei ihnen deutlich höher“, berichtet Gitt.

Mehr Fett und Zellen in der Wand
Die Erklärung für das erhöhte Herzerkrankungsrisiko findet sich in den Gefäßwänden. Denn nicht nur das Ausmaß der Schäden ist bei Zuckerkranken größer, die Veränderungen sind zudem instabiler. „Die Einengungen enthalten mehr Immunzellen und mehr Fettpartikel. Das erhöht die Gefahr eines Herzinfarkts“, weiß Gitt. Der einzige Ausweg besteht im Ausschalten der Risikofaktoren durch Lebensstiländerungen und Medikamente. Zwar lassen sich die Gefäßschäden nicht rückgängig machen, doch gelingt es auf diese Weise immerhin, die Ablagerungen zu stabilisieren und das Infarktrisiko zu senken.

Vor allem den schwierigeren Teil – die Änderung des Lebensstils – versucht man den Patienten in der Curschmann-Klinik zu vermitteln. „Nach der Akuthilfe benötigen viele eine Anleitung für ein gesünderes Leben“, sagt Morten Schütt. Informationen zur optimalen Einstellung des Diabetes sind daher nur ein Teil des intensiven Programms. Hinzu kommen Ernährungsberatung, Sport, psychologische Betreuung und Entspannungstraining. „Unser Ziel ist es, den Betroffenen bewusst zu machen, was sie im Alltag ändern können“, erklärt Schütt.

Das beispielhafte Therapiekonzept ließe sich auch in anderen Kliniken umsetzen. Im Rahmen einer Qualitätskontrolle entwickelt Schütt daher mit der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ ein Zertifikat für Kliniken, in denen Kardiologie und Diabetologie vorbildlich zusammenarbeiten.

Einen intensiven Austausch fordert auch Professor Eberhard Standl, Chefarzt am Klinikum München-Schwabing: „Entscheidend ist letztlich, dass bei Herzpatienten regelmäßig der Zuckerstoffwechsel kontrolliert wird und bei Diabetikern der Zustand des Herzens.“ Standl war wesentlich am Zustandekommen der Leitlinien beteiligt, welche die Europäische Gesellschaft für Kardiologie und die Europäische Diabetesgesellschaft für die Behandlung herzkranker Diabetiker im Januar dieses Jahres verabschiedet hat.

Umsetzen in den Alltag schwierig
Die beste Umstellung der Lebensführung bringt nur dann Erfolg und eine verbesserte Prognose, wenn sie dauerhaft erfolgt. Keine leichte Aufgabe. Schütt kennt das Problem: „In der Klinik funktioniert das neue Leben meist ganz gut. Schwierig wird der Übergang in den Alltag.“ In der vertrauten Umgebung fallen viele schnell zurück in den alten, ungesunden Trott.

Schätzungen zufolge geben nach einer herkömmlichen Rehabilitation fast drei Viertel der Patienten die guten Vorsätze wieder auf. „Um das zu verhindern, legen wir großen Wert auf eine Selbstanalyse und die Bereitschaft, die Verantwortung für den Verlauf der Erkrankung selbst zu übernehmen“, betont Schütt.

Jürgen V. hat es geholfen, in der Klinik über sich selbst nachzudenken. „Ich habe dadurch erkannt, wo ich ansetzen muss“, erzählt er und berichtet vom Kochen ohne Salz, von der Auswahl der richtigen Öle, autogenem Training gegen den Alltagsstress und einer neu entdeckten Begeisterung für tägliche Gymnastik. „Ich bin mir sicher, dass ich durchhalte“, sagt er überzeugt. „Schließlich muss ich meine zweite Chance nutzen.“ Er weiß: Auf eine dritte sollte er nicht hoffen.

Apotheken Umschau


Geschrieben am 17.09.2007 um 07:20
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