|
|
 |
 |
|
Phantomschmerz: |
|
|
|
|
Bein weg, Schmerz bleibt Begreifen lässt sich das nicht: Ein Bein wird amputiert. Doch nach der Operation kribbelt, brennt und sticht es plötzlich in den Zehen, die nicht mehr vorhanden sind. Wie Phantomschmerz entsteht und welche Behandlungen helfen „Phantomschmerz“ nennen Ärzte dieses Phänomen, an dem in Deutschland mindestens 75 000 Menschen leiden – etwa jeder Zweite, dem eine Gliedmaße amputiert worden ist. Bei einem Teil sind die Schmerzen ständig vorhanden, häufiger jedoch treten sie anfallsartig auf. Wetterumschwünge und Stress, manchmal auch Genussmittel wie Kaffee, können als Auslöser wirken und die Schmerzen verstärken.
Wie Phantomschmerz entsteht, dazu gibt es viele Theorien. Herta Flor, Psychologin und Professorin am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema. Für sie steht fest: „Phantomschmerz hat verschiedene Ursachen. Dazu zählen Veränderungen im Gehirn ebenso wie die Aktivität der durchtrennten Nerven im Stumpf oder psychische Einflüsse.“ Eine besondere Rolle scheinen Veränderungen in der Großhirnrinde zu spielen.
Dort hat jeder Körperteil, ob Bein, Arm, Nase oder Ohr, einen eigenen Bereich. „Das kann man sich wie eine Landkarte vorstellen“, sagt Flor. So werden etwa in dem Bereich, der für das linke Bein zuständig ist, alle Nervenimpulse verarbeitet, die aus dem Bein eintreffen. Nach einer Amputation bleiben diese Impulse plötzlich aus. Was eigentlich zur Folge haben könnte, dass der Hirnbereich jetzt brachliegt.
Doch das Gegenteil tritt ein: Nervenimpulse aus benachbarten Bereichen wandern in das Areal ein, das zu der amputierten Gliedmaße gehörte – ähnlich einer „feindlichen Übernahme“. Je ausgeprägter dieser Prozess, desto stärker scheinen die Phantomschmerzen zu sein.
Auch die durchtrennten Nerven können Phantomschmerzen beeinflussen. Intakte Empfindungsnerven haben kleine Fühler, mit denen sie Schmerz- oder Temperaturreize oder Änderungen der Muskelspannung aufspüren und ans Gehirn weiterleiten. Nach einer Amputation können in den durchdurchtrennten Nerven spontan Impulse entstehen, die im Gehirn als Brennen oder Stechen in der fehlenden Gliedmaße wahrgenommen werden.
Phantomschmerz: So entsteht er
Intakter Nerv:
Nervenfühler in Haut oder Muskel nehmen Impulse, etwa von einer schmerzenden Wunde, auf. Nervenbahnen leiten sie über das Rückenmark zum Gehirn. Dort wird die Wahrnehmung „Schmerz“ ausgelöst.
Gehirn:
Für jeden Körperteil gibt es einen Bereich in der Hirnrinde, der die ankommenden Nervenimpulse verarbeitet. Nach einer Amputation können Impulse aus benachbarten Hirnbereichen in das „frei gewordene“ Areal einwandern. Dieser Vorgang fördert vermutlich Phantomschmerzen.
Rückenmark:
Die Nervenbahnen aus dem Körper laufen im Rückenmark zusammen. Hier können nach einer Amputation fehlerhafte Verschaltungen entstehen und zum Beispiel das Signal „Schmerz im Fuß“ ans Gehirn weiterleiten.
Nerven:
Nach einer Amputation können durchtrennte Nerven weiter Impulse zum Rückenmark und Gehirn senden. Zum Teil sind „Kurzschlüsse“ zwischen den Nerven dafür verantwortlich.
Wenn der Stumpf schmerzt „Nicht jeder Schmerz im oder am Bein ist ein Phantomschmerz“
Orthopäde Dr. Stefan Middeldorf von der Klinik Staffelstein in Oberfranken weiß, „Auch Stumpfschmerzen können sehr belasten.“ Bilden sich an den durchtrennten Nerven knotige Veränderungen, empfinden manche Patienten schon leichte Berührungen als schmerzhaft.
Eine andere Ursache für Schmerzen sind Schwellungen oder Entzündungen an der Amputationsstelle. „Diese Schmerzen bessern sich meist, wenn ihre Ursache behoben wird“, sagt Middeldorf.
Ein verheilter, schmerzfreier Stumpf ist die Voraussetzung, dass eine Prothese angepasst werden kann.
Es gibt sogar Hinweise, dass eine Prothese hilft, Phantomschmerzen vorzubeugen. Der Grund: Um das künstliche Bein zu bewegen, muss der Patient Oberschenkelmuskeln aktivieren. Das Gehirn registriert diese Bewegungen und gewinnt den Eindruck, dass „da unten alles normal läuft“.
Daher können sich Phantomschmerzen durch das regelmäßige Tragen einer optimal angepassten Prothese sogar zurückbilden. Bei einem Teil der Amputierten mit Phantomschmerzen bessern sich diese von alleine, verschwinden manchmal sogar völlig. Vorhersagen lässt sich der Verlauf leider nicht.
Welche Therapien helfen? Um die Beschwerden zu lindern, setzen Schmerztherapeuten auf verschiedene Strategien:
Medikamente:
Das Spektrum reicht von einfachen Schmerzmitteln wie Paracetamol bis zu stark wirksamen Opiaten. Manchmal ist es sinnvoll, Schmerzmittel mit Antidepressiva, Mitteln gegen Epilepsie oder speziell an den Nerven ansetzenden Wirkstoffen zu kombinieren. Sie heben die Reizschwelle der Nervenzellen für Schmerzsignale. Auch das Hormon Calcitonin, als Spritze oder Infusion verabreicht, wirkt in Studien Phantomschmerzen entgegen.
„Wenn Medikamente nicht ausreichend helfen, setzen wir auch unkonventionelle Methoden ein“, sagt Orthopäde Middeldorf.
Beispiele:
Reizstrom: Schwache Stromreize, die mithilfe von Elektroden auf den Amputationsstumpf übertragen werden, regen im Gehirn neue Verbindungen zwischen Nervenzellen an. Diese „überschreiben“ die alten, schmerzhaften Eindrücke. Manche Patienten schwören auf das Gegenteil, Reiz-Freiheit, und tragen einen speziellen Stumpfüberzug, der elektrische Reize abschirmen soll. Ob und wie er wirkt, ist nicht untersucht, aber es spricht nichts dagegen, ihn auszuprobieren, so Middeldorf.
Spiegeltherapie: Dabei beobachtet der Patient Bewegungen seines gesunden Beins in einem Spiegel. Der „Spiegeltrick“ täuscht dem Gehirn vor, dass das amputierte Bein noch vorhanden ist. Dieses Training verhindert möglicherweise, dass das nach der Amputation brachliegende Hirnareal von Impulsen aus anderen Hirnbereichen aktiviert wird.
Diabetiker Ratgeber |
Geschrieben am 08.09.2007 um 07:20 Alle News/Infos anzeigen
|
|
|
 |
 |
 |
|
|
|
|