Millionen Bundesbürger leiden unter endlosem Pfeifen, Zischen oder Brummen im Kopf. Neue Therapien können die zermürbenden Töne wegtrainieren Als ich morgens aufwachte, klangen die Geräusche um mich herum auf einmal wie in einem Hallenbad. Gleichzeitig hörte ich auf beiden Ohren einen lauten Pfeifton“, berichtet Michaela H.. Tage später suchte die Diplom-Betriebswirtin eine Hals-Nasen-Ohren-Praxis auf. Der Arzt diagnostizierte einen Tinnitus. Das war im August 2003. Das Wort Tinnitus leitet sich vom lateinischen „tinnire“ ab, was „klingeln, schellen“ heißt. Tatsächlich reicht die Klangpalette des Leidens von hohem Pfeifen über scharfes Zischen und heftiges Rauschen bis hin zu tiefem Brummen. Der Ausdruck steht für alle Arten von Ohr- und Kopfgeräuschen.
Reiner Sauerstoff „Ich erhielt Infusionen mit Substanzen, welche die Sauerstoffversorgung des Innenohrs verbessern sollten“, erinnert sich die heute 37-jährige H.. Im rechten Ohr verschwand der Pfeifton, im linken wurde er leiser. „Ob ich arbeitete, mit Leuten redete oder abends einzuschlafen versuchte – immer war dieses Pfeifen da.“ Deshalb schlug ihr HNO-Arzt vor, es mit einer hyperbaren Sauerstofftherapie zu versuchen. In einer Druckkammer atmete die Patientin über eine Maske 100 Prozent reinen Sauerstoff ein. Der Ton im linken Ohr schwächte sich weiter ab.
„Heute gibt es nur noch eine Diagnose, bei der die hyperbare Sauerstofftherapie sinnvoll erscheint: der durch Lärm verursachte akute Tinnitus“, sagt Professor Peter Plinkert, Ärztlicher Direktor der HNO-Uniklinik Heidelberg. Gut ging es Michaela H. danach noch nicht. Sobald der Stress anstieg sowie abends beim Zubettgehen nahm der Ton an Stärke zu. Also änderte sie die Bedingungen, die ihrer Meinung nach zu dem Schaden geführt hatten: Sie wechselte den Arbeitsbereich. So blieb ihr Zeit für Reiten und Jazztanz – Hobbys, die sie vorher völlig vernachlässigt hatte.
Bei Geräuschen im Ohr unbedingt Arzt aufsuchen „Ich dachte, wenn ich die Umstände ändere, die zu meinem Tinnitus geführt haben, müssten die Geräusche im Ohr verschwinden.“ Aber das taten sie nicht. Wie Michaela H. geht es vielen. „Millionen Bundesbürger leiden unter Symptomen der Hörminderung oder Tinnitus oder einer Kombination von beidem“, erklärt Plinkert. Bei Geräuschen im Ohr sollten Betroffene sofort einen Arzt aufsuchen. „Nur er kann organische Ursachen feststellen oder ausschließen“, betont er.
Viele Ursachen Gründe, warum sich ein Tinnitus entwickelt, gibt es viele: Jede Ohrerkrankung, von der Mittelohrentzündung bis zum Hörsturz, kann von Geräuschen begleitet sein, ebenso das Wachsen eines Tumors am Hörnerv.
Auch ein Knalltrauma kann Tinnitus auslösen, verursacht beispielsweise durch einen Silvesterkracher. Ärzte wissen, dass Jugendliche, die eine Disco besucht haben, in den folgenden Stunden oft ein Pfeifen oder Rauschen hören. „Das kann acht bis zwölf Stunden anhalten, verliert sich aber meistens wieder“, sagt Professor Volker Bolay, Dekan der Fakultät Musiktherapie an der Fachhochschule Heidelberg. Ständiger Lärm, auch laute Musik, schädigt dagegen das Gehör dauerhaft. Häufig liegen bei einem Tinnitus orthopädische Probleme des Schulter- Hals-Bereichs oder Störungen im Kauapparat vor. „Es gibt einen Zusammenhang zwischen den Nervenfasern, die vom Halsbereich und dem Kiefergelenk kommen, und dem Teil im Gehirn, der die akustischen Reize verarbeitet“, erklärt Dr. Berthold Langguth von der Universitätsklinik Regensburg.
Starker Stress als Auslöser Oft finden Ärzte aber keinen organischen Grund. „Die meisten Patienten leiden unter einem Tinnitus, der mit objektiven Messmethoden nicht nachweisbar ist“, betont Langguth. Starker Stress kann in solchen Fällen als Ursache eine Rolle spielen. Halten die Ohrgeräusche länger als sechs Monate an, sprechen Mediziner von einem chronischen Tinnitus. Solange der Krach im Ohr nicht weiter stört, ist es nicht nötig, etwas dagegen zu unternehmen.
Zahlreiche Betroffene fühlen sich jedoch stark beeinträchtigt. Sie können sich zum Beispiel nicht mehr richtig auf ihre Arbeit konzentrieren. In Teamrunden gibt es beim Zuhören Probleme. Tinnituskranke nehmen dann ein Gemisch aus Wörtern wahr, können allerdings nicht orten, was von wem kommt. „Das sogenannte Richtungshören ist bei starkem Tinnitus eingeschränkt“, sagt Experte Bolay. Mit dem Entspannen klappt es auch nicht gut, denn Ruhe bedeutet für viele Erkrankte, sich dem unangenehmen Geräusch im Kopf auszuliefern. Das kann zu Problemen beim Ein- und Durchschlafen führen. „Die empfundene Lautheit des Tons sagt aber nichts darüber aus, wie belastet sich jemand fühlt. In dieser Hinsicht hat man keinen Zusammenhang gefunden“, betont die Diplom-Psychologin Dr. Maren Struve vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim.
Bilder ansehen, Gefühle hören Anhand funktioneller bildgebender Verfahren wiesen Forscher verschiedener Einrichtungen inzwischen nach, dass bei Patienten mit chronischem Tinnitus offensichtlich eine Überaktivität in dem Teil des Gehirns herrscht, der Geräusche wahrnimmt und verarbeitet.
„Die Nervenzellen im auditorischen Bereich reagieren übersensibel und extrem aktiv“, bestätigt Langguth. Nur in seltenen Fällen kommt der Ton wirklich vom Ohr. Das unterstreichen Versuche, bei denen Ärzte verzweifelten Kranken den Hörnerv durchtrennten. Das Ergebnis: Bei den meisten so Behandelten blieb der Tinnitus bestehen.
Eine andere Untersuchung machten Forscher am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI): Sie ließen Personen Bilder betrachten, die Gefühle weckten, etwa traurige Gesichter. Bei Tinnitus-Patienten sprachen dabei nicht nur die Areale im Gehirn stärker an, die emotionale Eindrücke verarbeiten, sondern auch Teile des Gehirns, die mit dem Hören in Zusammenhang stehen. „Obwohl wir Bilder gezeigt hatten, sah es aus, als könnten die Patienten Gefühle auch hören“, erklärt Expertin Struve die Ergebnisse. Tinnitus-Forscher zielen deshalb darauf ab, die ausgedehnte und unangemessene Aktivität dieser Nervenzellen zu vermindern. Dazu suchen sie nach Wegen, wie Betroffene ihre Geräuschkulisse im Ohr oder im Kopf selbst reduzieren, im besten Fall sogar wegtrainieren können.
Den eigenen Ton finden Dieser neue Ansatz liegt auch der Musiktherapie in Heidelberg zugrunde. „Wir versuchen, den auditorischen Kortex, also den für das Hören zuständigen Teil des Gehirns, von verschiedenen Seiten her neu zu programmieren. Das gelingt bei fast 80 Prozent unserer Patienten“, sagt Bolay. Mit Tönen – direkt über das Ohr wahrgenommen und über Resonanzschwingungen im Kopf – lernen jene Bereiche, in denen im Hörzentrum der Betroffenen der Tinnitus auftritt, aufs Neue, wann sie aktiv sein müssen und wann nicht. Die Musiktherapie eignet sich jedoch nicht für jeden: „Wir kümmern uns nur um den chronischen tonalen Tinnitus, das typische Pfeifen, das man genau ausmessen kann“, schränkt Bolay ein.
Patienten, die hauptsächlich über Rauschen im Ohr klagen, kann diese Behandlung nicht helfen. Durch einen Kollegen erfuhr Michaela H. von der Musiktherapie, die sie im Sommer 2006 begann. Am Anfang steht die Suche nach dem individuellen Tinnituston. Dazu werden auf einem Sinusgenerator Töne abgespielt, bis sich einer mit dem empfundenen Pfeifton des Patienten deckt. Dieser Ton wird, wie Musiker es nennen, oktaviert: Seine Frequenz wird schrittweise halbiert. „Zwei bis drei Oktaven tiefer bleibt der Ton mit dem ursprünglich gehörten identifizierbar und kann auch gesungen werden“, sagt die Musiktherapeutin Heike Argstatter vom Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung.
Erfolg objektiv überprüfbar Unter Anleitung findet jeder seinen Ton, den er aktiv bei verschiedenen Übungen einsetzt, etwa bei der Resonanzübung. Bei diesem Training mit zwei Filzschlegeln am Gong und dem Singen des eigenen Tinnitustons stimuliert der Patient den ganzen Kopf, Stirnhöhle, Nebenhöhlen und den Nackenbereich. Der Hintergrund: Auch zwischen Gesichts- und Hörnerven gibt es intensive Verbindungen. Über die großen Gesichtsnerven wird so der auditorische Kortex angeregt. „Dadurch kann es zu einer Neuregulierung des Hörapparats insgesamt kommen“, sagt Diplom-Psychologin Argstatter. Auch H. hat ihren Tinnituston gefunden und gesungen – beim Autofahren, sogar unter der Dusche. „Heute ist das Pfeifen die meiste Zeit komplett weg.“„Die Patienten machen sich den Ton zu eigen, übernehmen Kontrolle über ihn und drängen ihn dadurch zurück“, erklärt die Musiktherapeutin. „Der Erfolg lässt sich nach der Behandlung durch bildgebende Verfahren überprüfen und ist nicht nur ein subjektives Empfinden“, bestätigt Bolay.
Geräusche gegen Geräusche Was aber machen Patienten, die über andere chronische Schallereignisse wie Rauschen, Brummen, Kettensägenkreischen im Ohr klagen?
Am Anfang gilt es, den Erkrankten aufzufangen, ihm das Geschehen genau zu erklären und ihn individuell zu beraten. „Wer obendrein schlecht hört, sollte unbedingt ein Hörgerät tragen“, empfiehlt Plinkert. Manchmal überdecken Alltagsgeräusche, die der Betroffene über einen gut eingestellten Apparat aufnimmt, den Tinnitus. Ein Schallgeber, bekannt als Noiser oder Masker, kann auch Laute im Ohr und Kopf überspielen. „Trägt der Patient den Noiser mehrere Stunden, passiert es sogar, dass anschließend sein Ohrgeräusch eine Zeit lang ausbleibt. Folgehemmung nennen wir das“, erklärt der HNO-Arzt Plinkert.
In Richtung Folgehemmung forscht derzeit Maren Struve am ZI in Mannheim. Patienten spielt man Geräusche vor, die den Tinnitus nicht nur unterdrücken, während sie zu hören sind, sondern auch kurze Zeit danach. „Über eine Rückkopplung sollen die Betroffenen trainieren können, diesen Zustand selbst herzustellen“, sagt Struve. Zusätzlich erhält ein Teil der Teilnehmer ein Medikament, das die Überaktivität in der Hörrinde senken soll. Eine weitere Gruppe bekommt eine Scheinarznei verabreicht. Mit einer Retraining-Therapie gelingt es ebenfalls, den Tinnitus zu mildern. Am Anfang stehen Fragen wie: Welche Ziele möchte der Betroffene erreichen? Sich wieder mit Freunden treffen oder leichter einschlafen können? „Ich bespreche zudem mit jedem Patienten persönliche Problemsituationen, in denen das Ohrgeräusch lauter wird“, beschreibt die Diplom-Psychologin Dr. Claudia Bäumer von der HNO-Uniklinik Heidelberg einen Aspekt des Trainings. „Anschließend suchen wir Lösungen.“
Keine Standardtherapie „Auf der körperlichen Ebene machen wir Atem- und Entspannungsübungen, und die Patienten lernen Techniken der Stressbewältigung“, sagt Bäumer. „Manche Menschen verkrampfen, sobald sie an Entspannung denken. Auch da suchen wir nach passenden Strategien.“
Sogar Genusstraining steht auf dem Plan. Wieder die schönen Dinge im Leben zu sehen kann helfen, die Fixierung auf den Tinnitus zu lösen. Langfristig „lernt“ das Gehör mit dieser Methode, sich an den Tinnitus zu gewöhnen und ihn zu überhören. „Beim Retraining kommt der Patient aus einer möglichen Opferrolle heraus, handelt selbst und verändert sein Befinden. Diejenigen, die sich auf den Weg machen, um ihre Aktivität zurückzugewinnen, haben eine gute Prognose“, zieht Bäumer Bilanz. „Die eine Therapie gegen Tinnitus wird es auch in Zukunft nicht geben“, sagt Langguth. „Vielmehr müssen wir besser verstehen, worin sich die verschiedenen Formen von Tinnitus unterscheiden, damit die Patienten spezifische Therapien erhalten.“
Magnetkraft beruhigt Nervenzellen Das Geräusch, das viele Tinnitus-Patienten wahrnehmen, spiegelt sich in einer Überaktivität bestimmter Nervenzellen der Hörrinde im Gehirn. Diese Erkenntnis brachte Dr. Berthold Langguth und sein Team an der Uni klinik Regensburg sowie Forscher an der Uniklinik Tübingen auf eine Idee: Sie wollen die übersteigerte Tätigkeit der Nervenzellen mit der transkraniellen Magnetstimulation dämpfen und dadurch den Tinnitus verringern.
Das Prinzip des Verfahrens: Mit einer Magnetspule erzeugen die Ärzte ein starkes Magnetfeld am Kopf, das Haut und Schädelknochen durchdringt. „So können wir Nervenzellen anregen, mit anderen in Kontakt zu treten und zu kommunizieren“, erklärt Langguth. Reize, in einem bestimmten Rhythmus verabreicht, stimulieren die Nervenzellen so, dass sich ihre gesteigerte Aktivität ein wenig in Richtung Normalität bewegt. Nach zehn aufeinanderfolgenden Sitzungen von je 35 Minuten konnten die Forscher eine anhaltende Wirkung erzielen. „Man kann diese am besten mit Lerneffekten vergleichen, die eine bleibende Spur im Gehirn hinterlassen“, sagt Langguth.
Apotheken Umschau
Geschrieben am 17.07.2007 um 10:00 Alle News/Infos anzeigen |