Nicht jeder Kunde leidet an einer Krankheit – manche suchen nur Material für ihr Hobby Viele Apotheker kennen die Situation: An der Theke steht ein Junge von zehn, zwölf Jahren und verlangt ein Reagenzglas voll Kalisalpeter und eins voll Schwefel. „Die Holzkohle besorgst du dir wohl im Baumarkt?“, heißt dann die augenzwinkernde Antwort. Denn was der Bengel vorhat, ist klar: Verrieben mit Holzkohle, das weiß man in Europa seit dem 12. Jahrhundert, wird aus Kalisalpeter und Schwefel ein äußerst explosives Gemisch: Schwarzpulver.
Nicht nur weil es das Gesetz verbietet, geben Apotheker keine solchen riskanten Chemikalien ab. Beim unsachgemäßen Hantieren kommen immer wieder Menschen ums Leben – bereits die Reibungswärme reicht aus, um das Gemisch zu entzünden. Wer sich in die faszinierende Welt der Chemie einarbeiten will, kann den Chemiekasten in der Apotheke aber mit weniger Brisantem bestücken: etwa Alaunsalzen für Kristallisationsversuche, Stoffen, die sich beim Zusatz von Säuren oder Laugen verfärben, oder verdünnter Silbernitratlösung, die mit Traubenzucker und etwas Ammoniak das Reagenzglas in glänzenden Christbaumschmuck verwandelt.
Versuche, die statt Rauch und Gestank ein ansehnliches Ergebnis bringen, kennt jeder Apotheker. Bis heute ist die Apotheke eine Abgabestelle für Chemikalien aller Art geblieben. Denn die Chemikalienverbotsverordnung schreibt vor, dass nur Apotheker und Personen mit nachgewiesener Sachkenntnis mit gefährlichen Chemikalien handeln dürfen. Doch während es Chemikalienhandlungen nur in größeren Städten gibt, verfügt fast jede Ortschaft über eine Apotheke.
Alaun, Hausenblase und Wasserglas Mütter kleiner Kinder holen dort Alaun für selbst gemachte Knete oder Gipsbinden, die mit viel Fantasie zu Gesichtsmasken verarbeitet werden. Wer alte Möbel restauriert, braucht oft Leinöl, das einen schützenden Überzug bildet. Wer an Musikinstrumenten bastelt, kauft in der Apotheke Hausenblase, die Schwimmblase einer Störart – in heißem Wasser aufgelöst, ergibt sie einen hochwertigen Leim. Hühnerzüchter, die an einem angebrüteten Ei einen kleinen Riss festgestellt haben, holen sich Wasserglas – kein Trinkbehältnis, sondern eine konzentrierte Kieselsäurelösung. Mit ihr lassen sich nicht nur kleine Macken in Eiern kitten, Modellflugzeug-Bauer machen damit auch Tragflächen wasserfest.
Der Apotheker kann bei der Gelegenheit mit den Kenntnissen glänzen, die er sich im Studium angeeignet hat. Schließlich war die Chemie eines seiner wichtigsten Studienfächer. Und damit niemand zu Schaden kommt, achtet das Apothekenpersonal genau auf die gesetzlichen Bestimmungen. Für brisante Chemikalien gilt die Gefahrstoffverordnung. Sie schreibt vor, wie Substanzen zu beschriften sind, von denen möglicherweise Gefahr ausgehen könnte. Die Kennzeichnung umfasst nicht nur Warnhinweise. Dem Bezieher wird auch genau erklärt, wie er mit gefährlichen Chemikalien zu hantieren hat, wie sie zu entsorgen sind und welche Maßnahmen der Ersten Hilfe bei Unfällen zu ergreifen sind. Außerdem muss der Apotheker sich davon überzeugen, dass der Kunde sachkundig und vertrauenswürdig ist.
Apotheken Umschau
Geschrieben am 27.06.2007 um 10:00 Alle News/Infos anzeigen |