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Umwelt:

Gesundheitsrisiko Lärm
Lärm mindert die Leistungsfähigkeit und macht krank. Forscher klären, wie die negativen Effekte entstehen und wie sie zu verringern sind
Mit Gel und heißer Luft aus dem Föhn kleben die Lärmwirkungsforscherinnen Dr. Anke Marks und Sandra Zimmermann Elektroden auf Timo Feists Kopfhaut. Die Minigeräte müssen dort gut halten – auch wenn Feist schläft. Denn sie sollen in der Nacht seine Gehirnströme an den Bildschirm im Vorraum übermitteln. Zwei weitere Kontakte am linken und rechten Auge registrieren die Augenbewegungen, während die unter dem Kinn seine Muskelspannung aufzeichnen. „Diese drei Ableitungen benötigen wir, um den Schlaf beurteilen zu können“, erklärt Diplom-Psychologin Marks.

Timo Feist ist einer der Probanden, die in den nächsten drei Wochen ihre Nächte in Schlafkammern des Instituts für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund (IfADo) verbringen werden. Marks und Zimmermann geht es um die Auswirkungen des Lärms auf Straßen, Schienen und in Einflugschneisen von Flughäfen. Mit verschiedenen Verkehrsarten und Lautstärken wollen sie prüfen, ob und wie dadurch der Schlaf beeinflusst wird und ob die Leistungsfähigkeit am nächsten Tag leidet.

Lärm:
Die Auswirkungen auf den Schlaf
Bislang gingen Forscher davon aus, dass der besonders belästigende Flugverkehr auch nachts am meisten stört. „Tut er aber nicht“, sagt Barbara Griefahn, stellvertretende Direktorin am IfADo. „Bei gleichem Lärmpegel werden die Betroffenen am häufigsten durch Schienenverkehr geweckt, und auch die Herzschlagfrequenz ändert sich stärker als bei anderen Verkehrsarten“, erklärt die Expertin. Grund dafür sind vor allem Bremsmanöver, bei denen Eisen quietschend auf Eisen schleift. Moderne Waggons haben inzwischen ummantelte Räder und leisere Bremssysteme, wodurch die Lärmbelastung immerhin halbiert wird. „Das ist gewaltig“, findet Griefahn.

Der Elektrokardiograf, der den Testschläfern angelegt wurde, zeigt den Forscherinnen anhand der Herzschlagkurve, wie sich eine Lärmreduzierung auf den Schlaf auswirkt. Um den Effekt lärmbedingter Schlafstörungen auf die Leistung zu prüfen, müssen die Testpersonen vor dem Schlafengehen Begriffe und Zahlenreihen auswendig lernen sowie mathematische Aufgaben lösen. Um 23 Uhr wird das Licht gelöscht. Während die Probanden schlafen, beurteilen Wissenschaftler die Qualität ihrer Nachtruhe und das Ausmaß der Störungen durch eingespielten Verkehrslärm. Kurz nach dem Aufstehen, wird kontrolliert, was die Probanden von dem abends Gelernten behalten haben.

Lärm ist eine subjektive Größe:
Was verstehen wir überhaupt unter Lärm?
„So leicht lässt sich das nicht beantworten“, sagt Professor Rainer Guski von der Ruhr-Universität Bochum: „Vogelgezwitscher beispielsweise empfinden die wenigsten Menschen als Krach, obwohl es morgens extrem laut sein kann.“ Für die Fachwelt bedeutet Lärm zunächst einmal unerwünschter Schall. „Geräusche besitzen neben ihrer objektiv messbaren akustischen Größe also auch eine subjektive“, erläutert Guski.

So machten etwa Hersteller von Staubsaugern die Erfahrung, dass sie für ihre leisen Geräte keine Abnehmer fanden. Die Kunden glaubten nicht an die reinigende Kraft des Saugers, weil sie ihn kaum arbeiten hörten. Erst die Wahrnehmung und vor allem die Bewertung durch die Betroffenen verwandelt bestimmte Geräusche in Lärm: den Fernseher, der bei offenem Fenster läuft, oder die spielenden Kinder des Nachbarn. Menschliche Stimmen besitzen eine Besonderheit: „Solche Sprachgeräusche sind zwar nicht zwangsläufig laut, jedoch auffällig und störend, weil sie unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen“, erklärt der Lärmwirkungsforscher Guski.

Um Lärm akustisch zu ermitteln, messen Fachkräfte den Schalldruckpegel, der von einer Geräuschquelle ausgeht. Die Maßeinheit ist Dezibel, dB (A), eine logarithmische Größe, die angibt, wie intensiv die Lautstärke auf das Ohr trifft. Der Zusatz (A) drückt aus, dass der ermittelte Wert das frequenzabhängige menschliche Hörempfinden berücksichtigt, das unterschiedlich hohe Frequenzen bei gleicher Lautstärke als verschieden laut einstuft. Eine Zunahme des Schalldruckpegels um 3dB (A) bedeutet, dass sich die Intensität des Schalls verdoppelt“, erläutert Professor Stephan Letzel, Leiter des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Universität in Mainz. Erzeugen also zwei Autos jeweils 70 Dezibel Lärm, ergibt sich als Lärmsumme nicht etwa 140 dB (A), sondern 73 dB (A).

Vor allem Verkehrslärm auf der Straße, in der Luft und auf den Schienen macht den Bundesbürgern zu schaffen. Mit geringem Abstand folgen der Krach von Baustellen und der von Nachbarn, wie eine repräsentative Befragung aus dem vergangenen Jahr in Hessen zeigt. Tagsüber gilt besonders der Straßenverkehr als belastend und zunehmend auch Fluglärm. Zum Bahnverkehr gibt es bisher nur wenige Lärmstudien, weil er jahrelang als weniger störend galt. Die Untersuchungen am IfADo zeigen jedoch, dass der Körper zumindest nachts auf Schienenverkehrslärm besonders empfindlich reagiert.

Straße:
Lärmquelle Nummer eins
Auch wenn die Außengeräusche von Karossen und Motoren in den vergangenen 25 Jahren um etwa zehn Dezibel gesenkt werden konnten, hat das keine positiven Auswirkungen auf den Geräuschpegel, da sich die Menge der fahrenden Autos stark erhöht hat. Die Freiheit, sich in der näheren und ferneren Umgebung so fortzubewegen, wie man möchte, gehört für Bundesbürger laut einer repräsentativen Umfrage des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) zum guten persönlichen Lebensgefühl. Auf unseren Straßen rollen heute insgesamt 50 Prozent mehr Fahrzeuge als noch vor 15 Jahren: 74 Prozent mehr Lkw, 44 Prozent mehr Pkw und 160 Prozent mehr Motorräder, rechnet der ADAC vor. Eine riesige Menge von Geräuschverursachern, welche die Straße zur Lärmquelle Nummer eins macht. „Am meisten belästigen dabei Geräuschsituationen mit stark schwankenden Pegeln, wie wir sie beim ständigen Abbremsen und Anfahren an Ampeln erleben“, erklärt Griefahn.

Das Umweltbundesamt (UBA) in Berlin geht den Belästigungen und Belastungen durch Lärm ebenfalls auf den Grund und regt Studien dazu an. „Für Ballungsräume werden beispielsweise Lärmkarten erstellt“, erklärt Dr. Jens Ortscheid, UBA-Lärmexperte. Stark befahrene Straßen, an denen der Lärm gesenkt werden sollte, sind anhand dieser Karten gezielt auszumachen. Anti-Lärm-Maßnahmen sind möglich, kosten aber Geld. Um Straßengeräusche zu verringern, gibt es zum Beispiel speziellen „Flüsterasphalt“. Diese offenporige Fahrbahn decke kann die Luft unter den Reifen und mit ihr die Fahrgeräusche schlucken. Nachteil: „Der Belag hält nicht so lange wie herkömmlicher Asphalt“, sagt Forscherin Griefahn. Auch Autoreifen machen Krach – je gröber dasProfil und je breiter der Reifen, desto mehr. Wer „Flüsterreifen“ montiert, kann damit ebenfalls den Lärm verringern.

Diplom-Psychologe Ortscheid ist sich sicher: „Jeder könnte von sich aus schon eine Menge mehr machen.“ Sein Vorschlag, das Auto öfter stehen zu lassen, klingt gut, gilt aber nicht als besonders populär. Trocken stellt er fest: „Nicht Lärmschutz ist der Auslöser, wenn das Auto in der Garage bleibt, sondern die Energiekrise oder der Klimawandel.“

Wie viel darf es sein?
Fluglärm
Auch im Flugbereich erhöhte sich das Verkehrsvolumen deutlich. Dass dadurch die Zeiten der Ruhe weniger geworden sind, macht Menschen in der Nähe von Airports zu schaffen. Für ein paar Euro quer durch Europa zu fliegen gehört für viele zur Kurzerholung. So gaben 28 Prozent aller Bundesbürger in einer Umfrage des BMU an, in den nächsten zwölf Monaten mit einem Billigflieger abheben zu wollen. Am Frankfurter Flughafen landen Flugzeuge heute in Abständen von weniger als einer Minute. „Mehr schafft der Flughafen gar nicht“, sagt Diplom-Ingenieur Thomas Myck vom Umweltbundesamt in Dessau. Knapp zwei Drittel aller Anwohner im Umfeld des Frankfurter Flughafens fühlen sich durch den Lärm der Jets gestört. Das zeigte ein Gutachten des Zentrums für angewandte Psychologie, Umwelt und Sozialforschung Bochum und des Hörzentrums Oldenburg zur Belästigung durch Fluglärm. „Dabei stellten sich die Stunden morgens und abends als Zeiten erhöhter Belästigung heraus, obwohl der Lärmpegel eigentlich gleich blieb“, sagt Diplom-Psychologe Dirk Schreckenberg, einer der Mitarbeiter des Berichts. Mit den Geräuschen im Hintergrund lässt es sich zum Beispiel nicht entspannt zu Abend essen oder fernsehen.

Leisere Flugzeuge, mehr Klagen
Weil Flugzeuge heute wesentlich leiser sind als noch vor zehn Jahren, sind auch die Dauerschallpegel gesunken. „1970 lag der Pegel für hochbelästigte Bürger bei 67 Dezibel, im Jahr 2000 bei 53. Eine dramatische Verbesserung“, stellt Guski fest. Trotzdem fühlen sich europaweit Anwohner von Flughäfen von Jahr zu Jahr mehr gestört. Um ihre Lage zu verbessern, starten Flieger heute steiler und landen mit weniger Schub: „Beim Abflug versucht das Flugzeug möglichst schnell Höhe zu gewinnen, beim Sinkflug wird der Triebwerksschub verringert und damit der Lärm vermindert“, erklärt Myck. Da der Schall von oben kommt, brauchen Dächer von Häusern in Flughafennähe spezielle Dämmung, Schallschutzfenster sowieso. „Wie muss der Schutz aussehen, damit die Menschen ruhig schlafen können?“, fragt sich Ortscheid und weiß: „Da prallen die Interessen aufeinander.“ Auf der einen Seite fordert das Umweltbundesamt einen guten Schutz. Auf der anderen stehen die Flughafenbetreiber, die den Schallschutz in der Schutzzone 1 bezahlen müssen.„Das bedeutet ein ständiges Feilschen zwischen Betreibern, Politikern und Anwohnern um die noch zumutbare Lärmbelästigung“, sagt auch Experte Guski.

Gesundheitsrisiko:
Mehr Lärm, mehr Medikamente
Dass Lärm der Gesundheit schadet, konnten zahlreiche Studien bereits nachweisen. Vor allem Hörschäden, kreislaufbedingte Erkrankungen wie Herzinfarkt, hormonelle Beeinträchtigungen und Schlafstörungen führen Wissenschaftler darauf zurück. Eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamts mit Daten von mehr als 800 000 Krankenversicherten zeigt den Einfluss von Fluglärm des Airports Köln-Bonn auf die Bewohner. „Wir fanden deutliche Zusammenhänge zwischen der Fluglärmbelastung und der Menge der verschriebenen Arzneimittel. Insbesondere nächtlicher Fluglärm zwischen drei und fünf Uhr führt dazu, dass Ärzte mehr Medikamente verschreiben“, zieht Ortscheid Bilanz. Acht Uhr morgens im IfADo. Timo Feist steht vor dem Spiegel im Badezimmer und versucht, sich die fest sitzenden Elektroden aus den Haaren zu zupfen. Schwierig. „Da hilft nur Duschen im Dienst der Wissenschaft“, sagt Timo Feist grinsend.

Für jeden anders: Lärm
Repräsentative Befragungen von Anwohnern stark befahrener Straßen und Bahntrassen sowie von Flughafen-Anrainern ergaben, dass bei gleichem Lärmpegel Fluglärm am meisten, Schienenverkehr am wenigsten stört. Um die Zusammenhänge zwischen der Lärmbelästigung durch Verkehr (Straße, Schiene, Fliegen) und der individuellen Lärmempfindlichkeit besser zu verstehen, entwickelten Forscher am Institut für Arbeitsphysiologie einen Fragebogen, der europaweit eingesetzt wird.


Apotheken Umschau


Geschrieben am 25.09.2007 um 07:20
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