|
|
 |
 |
|
Serie Osteoporose, Teil 1: |
|
|
|
|
Starkes Skelett Mit kalziumreicher Ernährung, Bewegung und den richtigen Medikamenten lässt sich der Knochenschwund bremsen Beim Kauf der neuen Küche ließ Erika B. die Arbeitsplatte um sieben Zentimeter anheben. Das war 1993. „Ich wollte mich gerade halten können und mich nicht immer bücken müssen“, sagt die 77-Jährige. Heute bereitet ihr diese Entscheidung große Probleme, denn die Münchnerin ist fast zehn Zentimeter kleiner geworden.
Beinahe acht Millionen Menschen über 50 Jahre leiden in Deutschland an krankhaftem Knochenschwund, geht aus der „BoneEva“-Studie des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung aus dem Jahr 2006 hervor. Das sind doppelt so viele wie vor Veröffentlichung der Daten angenommen. Experten vermuten zudem eine hohe Dunkelziffer. Osteoporose ist nicht nur ein Frauenproblem: Jeder fünfte Patient ist inzwischen ein Mann.
Als Volksleiden unterschätzt Das Knochengerüst gibt dem Menschen Halt und Form. Daran arbeiten in seinem Inneren zwei verschiedene Zellarten: Die Osteoklasten bauen verbrauchten Knochen ab, ihre Gegenspieler, die Osteoblasten, liefern neuen nach. So entsteht die Knochenmasse, die um das 30. Lebensjahr ihren Höhepunkt erreicht Schon ab 40 verliert der Knochen jedes Jahr ein Prozent seiner Masse – ein normaler Prozess. Verläuft er jedoch beschleunigt, etwa durch Hormonstörungen wie Östrogen- oder Testosteronmangel, entsteht Osteoporose. Die Knochen werden porös, sie brechen beim kleinsten Sturz oder sogar grundlos.
Waltraud Z.´s beginnende Osteoporose wurde bei einer Knochendichtemessung nach den Wechseljahren erkannt. „Ich habe gleich Medikamente bekommen und kann jetzt gut dagegen angehen.
„Osteoporose ist als Volksleiden nicht anerkannt“, sagt Dr. Jutta Semler, Chefärztin am Immanuel-Krankenhaus in Berlin und Vorstandsmitglied des Kuratoriums Knochengesundheit. Brüche werden als Altersleiden abgetan, spezielle Medikamente nicht verschrieben. „Jeder fünfte ältere Patient mit einem Bruch wird innerhalb eines Jahres den nächsten erleiden“, warnt Semler.
Doch nicht selten nehmen Patienten die Krankheit gar nicht wahr: „Manche haben keine Schmerzen, das ist die Krux“, sagt Dr. Ulrike Herzog, Orthopädin am Klinikum Berchtesgadener Land in Schönau am Königssee. Osteoporose beginnt stumm, viele Wirbel brechen an der Vorderseite, wo keine Nervenbahnen verlaufen. Wer zu einer der Risikogruppen gehört, sollte regelmäßig die Knochendichte messen lassen. Angst vor einem Bruch hat Waltraud Z. nicht. „Aber ich sorge mich schon eher, wenn ich falle“, sagt die Gymnasiallehrerin, „etwa beim Skifahren.“ Seit der Diagnose nimmt sie deshalb Kalzium und Vitamin D3, die sogenannte Basistherapie.
Für Patienten wie Waltraud Z. und Erika B. liegt der Kalziumbedarf zwischen 1200 und 1500 Milligramm täglich. Dazu kommen 400 bis 1200 Einheiten Vitamin D3, das die Aufnahme von Kalzium und dessen Einbau in die Knochen fördert. Besonders die Einnahme von Vitamin D3 ist wichtig, da es sonst nur durch UV-Licht im Körper aufgebaut wird. Entsprechende Nahrungsergänzungsmittel aus der Apotheke sind vor allem in den Wintermonaten bei schwacher Sonneneinstrahlung sinnvoll. Knochenbrüchen kann so vorgebeugt werden.
Medikamente gegen die Brüche Eine Wirbelkörperfraktur ist komplizierter als ein „normaler“ Bruch. Professor Christian Kasperk vom Uniklinikum Heidelberg vergleicht den osteoporotischen Wirbel mit einem „knusprigen Brötchen“.
Durch den Druck des Oberkörpers beginne der Knochen einzubrechen. Nicht nur einmal. Dieser Vorgang – Experten sprechen von Sinterung – kann Wochen dauern, es kommt zu vielen kleinen Frakturen. Der Wirbelkörper wird regelrecht platt gedrückt, das verstärkt die Schmerzen an der Knochenhaut.
Für Erika B. kann schon das kleinste Stolpern gefährlich werden: „Ich brauche nur mit der Schuhspitze hängen zu bleiben, schon falle ich hin“, erzählt sie. Die 77-Jährige bekommt deshalb zusätzlich Bisphosphonate.
Mit diesen Medikamenten hat ein Umdenken in der Therapie stattgefunden: „Früher war es Ziel, die Knochendichte zu normalisieren, aber das ist gerade bei älteren Menschen nicht möglich“, sagt Jutta Semler. „Vielmehr sollen neue Brüche und der weitere Abfall der Knochendichte verhindert werden.“ Dass Bisphosphonate vor Frakturen schützen, hat eine Studie aus den USA mit mehr als 33 000 Patientinnen nachgewiesen. Die Medikamentengruppe gehört zum Therapiestandard, doch nur 9,5 Prozent der Betroffenen bekommen es laut BoneEva-Studie verschrieben. Eine Alternative ist Raloxifen, ein selektiver Östrogen-Rezeptor-Modulator (SERM). Ähnlich wie Östrogen verhindert es den Knochenabbau. Es wirkt allerdings nicht gegen Wechseljahresbeschwerden und wird deshalb erst zwei Jahre nach der Menopause angewandt.
Andere Medikamente sind Strontiumranelat, das die Aktivität der Osteoblasten steigert und den Knochenabbau bremst, oder der dem körpereigenen Hormon der Nebenschilddrüse nachempfundene Wirkstoff Teriparatid. Sie werden bei Frauen nach den Wechseljahren eingesetzt, die bereits einen Bruch erlitten haben, und maximal 18 Monate täglich gespritzt.
Eine Hormonersatztherapie mit Östrogenen und Gestagenen verhindert zwar ebenfalls den Knochenabbau, wird aber wegen des Brustkrebsrisikos nur selten verwendet.
Die Therapie muss maßgeschneidert sein“, sagt Jutta Semler. Die Form der Osteoporose und seltene Auslöser müssen berücksichtigt werden. Bei einer Schilddrüsenerkrankung etwa wird der Arzt erst diese behandeln. Ein großes Problem: Etwa die Hälfte der Betroffenen bricht die Behandlung innerhalb eines Jahres ab, berichtet die Internationale Osteoporose-Stiftung. Mindestens drei Jahre müssen die Präparate aber eingenommen werden. Doch vielen Patienten fehlt einfach das Durchhaltevermögen. Experten fordern daher eine bessere Aufklärung und mehr Kompetenz von den Medizinern. Der Dachverband Osteologie etwa bietet Ärzten eine Zusatzqualifikation zum Osteologen an.
Keine Therapie ohne Training Medikamente allein stabilisieren die Knochenmasse nicht, auch wenn Bisphosphonate unverzichtbar geworden sind. Bewegung steht deshalb in den Rehabilitationszentren an erster Stelle.
„Dazu ist der Patient aber erst fähig, wenn er keine Schmerzen mehr hat“, erläutert Ulrike Herzog. Schmerzmittel müssen in die Therapie integriert werden. Manchen hilft auch eine Operationsmethode wie die Kyphoplastie.
Über einen Katheter wird an der Fraktur ein Ballon aufgeblasen. Der Wirbel richtet sich auf, es entsteht ein Hohlraum. In diesen wird flüssiger Kunststoff gespritzt. Dieses Verfahren ist eine Verbesserung der älteren Vertebroplastie. Bei dieser Methode wird ebenfalls Kunststoff-Zement verwendet. Er muss jedoch mit mehr Druck eingebracht werden, um den Wirbel aufzurichten, da kein Hohlraum geschaffen wird.
Kasperk hat seit 2000 rund 600 Kyphoplastien durchgeführt. In einer Langzeitstudie konnte er bereits zeigen, dass sich die Operation positiv ausgewirkt hat. „Wer weniger Schmerzen hat, kann sich auch besser bewegen. Wir nehmen an, dass so Stürze und neue Frakturen verhindert werden“, erklärt er. Doch die Kyphoplastie kommt nur für etwa 25 Prozent der Osteoporose-Patienten mit schmerzhaften Wirbelfrakturen infrage. Wichtigstes Kriterium: Der Schmerz muss dort lokalisiert sein, wo der Wirbel gebrochen ist. Ursachen wie Bandscheibenvorfälle oder Muskelüberlastungen müssen ausgeschlossen sein. Kasperk sieht die Operation lediglich als eine „Facette der Schmerztherapie“, verschwunden ist die Osteoporose nach dem Eingriff nicht.
Die medikamentöse Therapie wird auch anschließend fortgesetzt. Sport, Ernährung, Medikamente: „Man hat niemals Ruhe“, sagt Erika B.. Osteoporose verändert das Leben. Heilbar ist sie nicht. Vorbeugen ist deshalb die beste Therapie.
Apotheken Umschau |
Geschrieben am 11.09.2007 um 07:20 Alle News/Infos anzeigen
|
|
|
 |
 |
 |
|
|
|
|