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Hausbesuch am Bildschirm Moderne Datenleitungen bringen die Therapie ins Wohnzimmer. Das bedeutet neue Chancen für chronisch Kranke Zugegeben, die Sache fühlt sich noch etwas neu an für Gisela S.. Immerhin ist der graue Kasten, der seit drei Wochen bei ihr auf dem Esstisch steht, der erste Computer im Leben der 71-Jährigen. Zweimal am Tag schaltet die Frau aus Fürth für eine halbe Stunde den Rechner ein. Automatisch startet das einzige Programm, das zurzeit auf dem Gerät gespeichert ist: ein Mix aus Denksportaufgaben und kleinen Bewegungsübungen, den ihr der Arzt als Hilfe gegen ihre Gedächtnisprobleme verschrieben hat.
Gisela S. spielt auf der Mattscheibe Memory, errät verschlüsselte Wörter und jongliert schließlich einen Luftballon durch das Zimmer. Das Training schlaucht, doch die Patientin hält bis zum letzten Programmpunkt durch. „Sonst bekäme ich ja einen Rüffel“, witzelt sie.
Denn S. übt nicht ohne Aufsicht. Eine auf den Bildschirm montierte Mini-Kamera filmt ihre Versuche, eine Tischantenne funkt die Bilder zusammen mit den Ergebnissen des Gehirnjoggings an Franziska Süß. Die Ergotherapeutin sitzt in einer Praxis im nahen Nürnberg und kann die Fortschritte ihrer Patientin wenige Minuten später am Computer verfolgen. Manchmal schickt sie mithilfe der elektronischen Post gleich einen Kommentar an Gisela S.: „Prima, das hat gut geklappt“, oder auch: „Lassen Sie die Übung lieber, wenn es Ihnen zu schwerfällt.“
Doch entscheidend ist für Franziska Süß, dass die Technik die Therapie zu ihrer Patientin nach Hause gebracht hat. „Hier in der Praxis könnte ich sie vielleicht einmal in der Woche behandeln“, erklärt die Ergotherapeutin. „Im eigenen Wohnzimmer ist das Training dagegen mehrmals am Tag möglich.“ Für den Erfolg der Therapie kann das ausschlaggebend sein: Je häufiger geübt wird, zeigen Studien, desto eher schlägt das sogenannte Hirnleistungstraining an.
Behandlung ohne Aussetzer Eine engmaschige Betreuung, wie im Fall von Gisela S., zählt zu den Stärken der „Telemedizin“: ein Schlagwort, das den Einsatz elektronischer Informationsmittel im Gesundheitswesen meint. Computer, Internet und Mobiltelefon sollen Patient und medizinische Helfer näher zusammenbringen. Mitunter genügt dafür aber auch bewährte Technik. „Manch erfolgreiches Projekt kommt mit Anrufen beim Kranken aus“, weiß Prof. Dr. Martin Middeke, der Studien zur Telemedizin koordiniert. Die Technik, erklärt der Münchner Internist, soll helfen, eine alte Schwäche der medizinischen Versorgung in Deutschland zu beheben: „Das schwarze Loch, das sich zwischen zwei Arztbesuchen oder nach der Entlassung aus der Klinik auftut.“
Zu Hause ist der Patient meist sich selbst überlassen. Middeke: „Mancher ist damit überfordert.“ Profitieren können von der Telemedizin daher vor allem chronisch Kranke, die eine verlässliche Dauertherapie und laufende Check-ups brauchen. Testläufe und Modellversuche gibt es zum Beispiel für Diabetiker, die ihre Blutzuckerwerte automatisch an eine elektronische Patientenakte funken, oder Lungenkranke, die einen Schrittzähler mit Fernabfrage tragen, der über die nötige körperliche Aktivität wacht.
Menschen mit Parkinson-Krankheit demonstrieren dem Arzt per Videoschaltung aus dem Wohnzimmer, ob die verschriebenen Arzneien ihre Beweglichkeit verbessert haben. Erfolgreich sind auch Versuche mit einer elektronischen Sprechstunde: Psychisch Kranke halten per E-Mail mit den Therapeuten Kontakt, um im Alltag Halt zu finden.
Am weitesten verbreitet ist die Telemedizin jedoch in der Betreuung von Herzkranken. Denn Werte wie Blutdruck, Puls und – mithilfe spezieller Mobiltelefone – auch EKG lassen sich vom Patienten leicht selbst messen und elektronisch verschicken. Ein weiterer Grund: „Herzpatienten leben in ständiger Angst vor der nächsten Attacke“, weiß die Hamburger Psychologin Dr. Silke Schmidt, die sich mit den Auswirkungen der Telemedizin auf die Lebensqualität beschäftigt. „Da wird die Technik schnell akzeptiert, weil sie für ein Sicherheitsgefühl sorgt.“
Warnsignale von der Telewaage Das Gefühl, dass Telemedizin für mehr Sicherheit sorgt, trügt nicht. Vor wenigen Monaten stellte Mediziner Middeke in einer Studie mit rund 500 Patienten unter Beweis, dass die Fernüberwachung das Leben verlängern kann.
Menschen mit schwerer Herzschwäche bekamen eine elektronische Waage ins Haus gestellt, die mit dem Telefonnetz verkabelt war. Jeden Morgen übermittelte das Gerät das aktuelle Körpergewicht an ein Servicecenter. Eine Zunahme deutet darauf hin, dass der Patient Wasser einlagert – und damit akut gefährdet ist.
„Mithilfe dieses Frühwarnsystems wurde das Risiko, im Untersuchungszeitraum an der Krankheit zu sterben, nahezu halbiert“, schwärmt Middeke. Der Arzneiverbrauch der Telemedizin-Patienten stieg dagegen an. Ein erwünschter Effekt, meint der Herzspezialist: „Das zeigt, dass die Betreuung zu einer konsequenteren Therapie führt.“
Damit der Patient bei der Stange bleibt, bedarf es offenbar nicht immer einer besonderen Rückmeldung vom Arzt. „Bereits das Wissen, zu Hause nicht auf sich allein gestellt zu sein, ist ein wichtiges Stück Motivation“, hat Schmidt beobachtet. Anfangs mische sich dieser Eindruck zwar noch mit der Angst vor zu viel Kontrolle, sagt die Forscherin. Vor allem Ältere täten sich schwer, ihre Daten preiszugeben. „Diese Befürchtungen legen sich aber, sobald die Technik als Plus an Betreuung erlebt wird.“
Ein größerer Hemmschuh ist die Frage, wer den Zuwachs an Fürsorge organisieren und bezahlen soll. Momentan kommt Telemedizin häufig in befristeten Projekten und Studien zum Einsatz. Angesichts guter Resultate wirbt Middeke dafür, dass das Angebot Teil des regulären Leistungskatalogs der Kassen wird.
Ein Ersatz für den persönlichen Kontakt zum Arzt wird die Technik aber nie sein, meint der Wissenschaftler: „Es darf nur um eine Ergänzung gehen.“ Das sieht auch Franziska Süß so. Im Wochenrhythmus stattet sie Gisela S. einen Hausbesuch ab, um ihr neue Übungen zu zeigen – erst einmal ohne Computer.
Senioren Ratgeber |
Geschrieben am 05.10.2007 um 07:20 Alle News/Infos anzeigen
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